Teilhabe darf kein Sparmodell werden

Warum die angedachten Kürzungen Leistungen zur Teilhabe Familien mit Diabetes besonders hart treffen – und was jetzt auf dem Spiel steht
Kinder und Jugendliche mit Diabetes müssen selbstverständlich an Unterricht, Klassenfahrten, Sportangeboten und Freizeitaktivitäten teilnehmen können. Welches Verständnis von Inklusion und gesellschaftlicher Verantwortung will Deutschland künftig haben?

Im April berichtete der Paritätische Gesamtverband über Regierungspläne, Leistungen im Bereich Familie und Teilhabe zu kürzen. Eine Arbeitsgruppe aus Bundes- und Landesminister:innen hatte entsprechende Vorschläge gemeinsam mit kommunalen Spitzenverbänden beraten. Für viele Menschen mit Diabetes stellt sich seitdem eine grundlegende Frage: Wird gesellschaftliche Teilhabe künftig stärker von Kassenlagen als von individuellen Bedarfen abhängen?

Die Sorge ist berechtigt. Denn die bekannt gewordenen Überlegungen betreffen genau jene Unterstützungsleistungen, die Kindern und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes den gleichberechtigten Zugang zu Bildung, Freizeit und gesellschaftlichem Leben ermöglichen.

Wenn Teilhabe zur Verhandlungssache wird

Für Familien mit Kindern, die an Typ-1-Diabetes erkrankt sind, bedeutet der Alltag ein hohes Maß an Organisation und Verantwortung. Blutzuckermessungen, Insulinabgaben, Sensoralarme und das Erkennen von Unter- oder Überzuckerungen beschäftigen Kinder im Unterricht, auf Klassenfahrten, beim Sport und in der Ganztagsbetreuung.
Deshalb sind Schulbegleitungen, Assistenzkräfte oder andere Teilhabeleistungen häufig unverzichtbar. Werden diese Leistungen eingeschränkt oder schwerer zugänglich, trifft das nicht nur die Kinder selbst. Eltern müssten deutlich häufiger Betreuungslücken schließen, Arbeitszeiten reduzieren oder berufliche Perspektiven aufgeben.
Gleichzeitig würde der Druck auf Schulen und Kindertageseinrichtungen steigen. Einrichtungen könnten aus Unsicherheit oder fehlenden Ressourcen zurückhaltender werden, wenn es um die Aufnahme chronisch kranker Kinder geht. Was als Sparmaßnahme beginnt, könnte somit langfristig zu neuen Barrieren für Inklusion und Bildungsgerechtigkeit führen.

Internationale Erfahrungen zeigen einen anderen Weg

Ein Blick ins Ausland zeigt, dass viele Staaten einen entgegengesetzten Weg verfolgen:
Im Vereinigten Königreich sind sogenannte School Nurses fest im Bildungssystem verankert. Sie unterstützen Schulen bei der Betreuung chronisch kranker Kinder und sorgen dafür, dass gesundheitliche Einschränkungen nicht zu Bildungsnachteilen führen.
In Schweden und Finnland gehören schulische Gesundheitsfachkräfte seit Jahren zur Regelversorgung. Dort wird die medizinische Begleitung von Kindern als Teil des Bildungsauftrags verstanden und nicht als individuelle Ausnahmeleistung.
Auch in Deutschland entstehen inzwischen Modellprojekte, die eher auf Ausbau als auf Abbau setzen. Nordrhein-Westfalen fördert beispielsweise Schulungen für Lehrkräfte und pädagogisches Personal, um die Teilhabe von Kindern mit Typ-1-Diabetes in Kita und Schule gezielt zu verbessern.
Die internationale Entwicklung ist eindeutig: Moderne Gesundheitspolitik setzt auf Prävention, Unterstützung und Inklusion. Kürzungen bei Teilhabeleistungen stehen diesem Trend entgegen.

Mehr Bürokratie statt mehr Selbstständigkeit

Die diskutierten Reformideen würden die Verantwortung stärker in die Familien verlagern. Mehr Anträge, Nachweise, Widerspruchsverfahren und längere Einzelfallprüfungen bedeuten noch höhere Belastungen für Menschen in ohnehin angespannten Lebenssituationen. Besonders betroffen wären Alleinerziehende, Familien mit geringem Einkommen und Menschen in strukturschwachen Regionen.
Hinzu kommt die Gefahr einer zunehmenden Ungleichheit. Wenn Kommunen künftig stärker über Art und Umfang von Leistungen entscheiden, könnten Unterstützungsangebote je nach Wohnort unterschiedlich ausfallen. Der tatsächliche Bedarf eines Kindes würde damit zunehmend von lokalen Haushaltslagen abhängig.

Kontinuität schafft Sicherheit

Besonders kritisch sehen Betroffene die diskutierte Einschränkung des Wunsch- und Wahlrechts. Bei Diabetes reicht gute Absicht allein nicht aus. Betreuungspersonen müssen Warnsignale erkennen, technische Hilfsmittel verstehen und in Notfällen sicher handeln können. Vertrauen, Erfahrung und Kontinuität sind daher zentrale Voraussetzungen für eine sichere Betreuung.
Aktuelle Studien zur schulischen Inklusion von Kindern mit Typ-1-Diabetes zeigen zudem, dass erfolgreiche Teilhabe stark von geschultem Personal und verlässlichen Unterstützungsstrukturen abhängt. Wo diese fehlen, wird Verantwortung häufig auf Eltern oder die Kinder selbst übertragen.

Jetzt starkmachen für Teilhabe und Inklusion

Der Deutsche Diabetiker Bund verfolgt die aktuellen Entwicklungen mit großer Aufmerksamkeit und setzt sich gemeinsam mit anderen Selbsthilfe-, Patienten- und Sozialverbänden für den Erhalt bestehender Teilhaberechte ein.
Dazu gehören insbesondere:
– der Austausch mit anderen bundesweiten Selbsthilfeorganisationen und Sozialverbänden,
– Gespräche mit politischen Entscheidungsträger:innen auf Bundes- und Landesebene,
– die Einbringung der Perspektive von Menschen mit Diabetes in politische Konsultationen,
– die Beobachtung geplanter Gesetzesänderungen und Verwaltungsreformen,
– die Information und Beratung von Betroffenen,
– die öffentliche Sichtbarmachung der Auswirkungen möglicher Leistungskürzungen.

Der DDB macht deutlich: Teilhabe, Bildung und Selbstbestimmung sind keine freiwilligen Leistungen. Sie sind grundlegende Rechte, die auch für Menschen mit Diabetes uneingeschränkt gelten müssen.

Ihre Erfahrungen sind wichtig!

Politische Entscheidungen werden häufig auf Grundlage von Zahlen getroffen. Doch hinter jeder Zahl steht eine persönliche Geschichte.
Deshalb möchten wir von Ihnen wissen:
Wo erleben Sie oder Ihr Kind bereits heute Einschränkungen der Teilhabe?
Welche Herausforderungen gibt es in Schule, Kita, Ausbildung oder Beruf?
Welche Unterstützung erhalten Sie aktuell – und was würde wegfallen, wenn die diskutierten Kürzungspläne umgesetzt würden?

Welche Folgen hätte dies für Ihre Familie, Ihre berufliche Situation oder die Entwicklung Ihres Kindes?

Schreiben Sie uns an: kontakt@diabetikerbund.de. Ihre Erfahrungen helfen dabei, die tatsächlichen Auswirkungen geplanter Kürzungen sichtbar zu machen und die Interessen von Menschen mit Diabetes wirksam gegenüber Politik und Öffentlichkeit zu vertreten.

Teilhabe ist ein Recht – kein Kostenfaktor

Die aktuelle Debatte berührt weit mehr als einzelne Verwaltungsregelungen. Sie betrifft die Frage, welches Verständnis von Inklusion und gesellschaftlicher Verantwortung Deutschland künftig haben will.
Kinder und Jugendliche mit Diabetes müssen selbstverständlich an Unterricht, Klassenfahrten, Sportangeboten und Freizeitaktivitäten teilnehmen können. Unterstützung darf nicht vom Wohnort, von kommunalen Haushalten oder von der Durchsetzungskraft einzelner Familien abhängen. Teilhabe ist kein freiwilliges Zusatzangebot. Sie ist ein Grundrecht und Ausdruck einer solidarischen Gesellschaft.

Über Uns

Der Deutsche Diabetiker Bund (DDB e.V.), gegründet am 02.01.1951, ist Deutschlands älteste Selbsthilfeorganisation für Menschen mit Diabetes. Mit Sitz in Berlin und bundesweiten Landes- und Regionalverbänden, setzt sich der Verein seit über 75 Jahren für die Lebensqualität von Diabetikern ein. Zu den Zielen zählen eine flächendeckende ambulante und stationäre Versorgung, Prävention, Aufklärung, patientenorientierte Diabetestherapie, regelmäßige Schulungen sowie psychosoziale und sozialrechtliche Unterstützung. All dies geschieht mit dem Ziel, die höchstmögliche Lebensqualität für Betroffene zu gewährleisten.

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